Mit 80 kein Stillstand: Hans-Jürgen Vorsatz startet neues Kulturfestival für Duisburg
Er ist DER renommierte Bildhauer Duisburgs und kuratiert nun mit über 80 Jahren sein erstes, mehrwöchiges Kulturfestival KUNSTWERKHALLE 3, das am 9. Mai im Handwerkerhof Wanheimerort Premiere feiert. An Ruhestand denkt Hans-Jürgen Vorsatz noch lange nicht. „Nein!“, sagt er vehement. „Das ist mein Leben.“
Das Handy klingelt, während er schon auf dem Weg zum nächsten städtischen Atelier ist. Und zur Eventlocation muss er auch noch, nach dem Aufbau sehen. Termine, Absprachen, Organisation – der Kalender von Hans-Jürgen Vorsatz ist seit Jahresstart voll. Er sei gespannt, auch aufgeregt: In industrieller Kulisse auf 1.000 Quadratmetern trifft bald beim ersten eigenen Kulturfestival bildende Kunst auf Musik, Kunstausstellung, Lesung und Konzerte. Es sei eine „eindrucksvolle Werkschau“ geworden, die Vergangenheit und Gegenwart vereint. „16 Künstlerinnen und Künstler aus Duisburg und Umgebung machen mit. Sie setzen sich mit den großen Fragen unserer Zeit auseinander“, ordnet Hans-Jürgen ein. Er verrät: „Es wird gesellschaftskritisch, geopolitisch und zutiefst menschlich.“
Der Eröffnungsabend am 8. Mai, Gedenktag zum Ende des Zweiten Weltkriegs, ist kein Zufall: „Ich wurde im September 1945 in Düsseldorf-Gerresheim geboren. Diese Zeit hat mein Aufwachsen und künstlerisches Wirken bis heute geprägt.“ Das Festival setzt in angespannten Zeiten ein klares Zeichen– gegen Rechts, gegen Populismus: „Menschen lernen nicht dazu. Daher drücken wir den Finger kräftig in die Wunde und müssen ganz laut sein“, unterstreicht Hans-Jürgen.
Ein Kulturfestival für seine Wahlheimat Duisburg
Gleichzeitig ist es auch eine Liebeserklärung an seine Wahlheimat: „Die Menschen hier sind geradeaus, bodenständig und grundehrlich. Wir können über alles reden und auch mal hitzig diskutieren. Duisburgerinnen und Duisburger geben mir viel – Herzlichkeit und Offenheit“, sagt Hans-Jürgen. „Ich revanchiere mich mit meiner Kunst. Mir reicht es, wenn du stehen bleibst, verweilst und guckst.“
Fast 20 Großskulpturen des renommierten Bildhauers stehen in Deutschland, etliche davon in Duisburg. Er arbeitet bevorzugt mit Stein und Metall. Der „Dialog ohne Worte“ (1987), eine mehrere Tonnen schwere Skulptur, kehrt anlässlich des Festivals von einer großen Werkschau in Dülmen nach Duisburg zurück. Während der Event-Wochenenden präsentiert er weitere Skulpturen sowie Bilder. Letztere sind aktuell in der Mercatorhalle Duisburg zu sehen. Handverlesene Werke langjähriger Weggefährten und von Freundinnen und Freunden ergänzen die Ausstellung.
Vom Klangriesen und einem lebensbejahenden Gefühl
Ein besonderes Highlight: ein Oktobass. Das monumentale Streichinstrument ist mit weltweit nur zwölf Exponaten eine Rarität. Eines davon steht in Deutschland. Jetzt transportiert der Instrumentenbauer den Klangriesen persönlich quer durch die Republik, erstmals nach Duisburg. „Da ich keine Fachjury engagiert habe, musste ich die neutrale Brille aufsetzen, um bei der Wahl der präsentierten Kunst unvoreingenommen zu sein, denn alle Teilnehmenden schätze ich sehr“, betont Hans-Jürgen Vorsatz. Es erfülle ihn, dieselbe Bildsprache zu sprechen – gemeinsam auf Missstände aufmerksam zu machen. Und davon gebe es viele. Besucherinnen und Besucher sollen während der Festivalzeit ein lebensbejahendes Gefühl mitnehmen: „Etwas Vielschichtiges, etwas, das die Seele streichelt und das Herz nicht nur für einen Moment berührt.“ Dann sei es ein Gewinn. „Für alle.“
„Ich gehöre ins Atelier“
Ende der 70er-Jahre kam Hans-Jürgen Vorsatz nach Duisburg, eingeladen von einem „wirklichen Freund“, dem Duisburger Maler, Autor und Objektkünstler Chinmayo. Dessen Kunst wird nun während der KUNSTWERKHALLE 3 in Memoriam aus seinem Nachlass gezeigt. „Nach Duisburg zu kommen, war wohl eine der besten Entscheidungen“, meint er rückblickend. An einen Abend im Jahre 1981 erinnert er sich besonders gerne: Während des Wilhelm-Lehmbruck-Symposiums zum 100. Geburtstag von Wilhelm Lehmbruck lernte er seine spätere Frau Magdalene kennen: „Seitdem sind wir zusammen.“ Wenig später reiste er planmäßig für ein halbes Jahr nach Südamerika, um Pablo Nerudas Spuren zu folgen und den Neuanfang für sein künstlerisches Denken zu legen, aber auch, um zu spüren, was Heimat bedeutet – und kehrte so schnell wie möglich zurück ins Ruhrgebiet. „Meine Frau und ich gehen jetzt 45 Jahre Hand in Hand durchs Leben.“
Was er an ihr schätzt? „Sie ist eine gute Kritikerin, hält mir den Rücken frei. Und wir lieben das Laufen. Marathon.“ Bis vor Kurzem betrieben sie gemeinsam einen Marktstand: „Ich vermisse es“, räumt der Künstler ein. „Ich mochte den Austausch mit Duisburgerinnen und Duisburgern sehr.“
Doch mit seiner Kunst aufhören? Undenkbar: „Ich hatte mal eine elektrische Eisenbahn im Keller – als Ausgleich und schönes Hobby. Aber das bin nicht ich. Ich gehöre ins Atelier.“ Dort hört Hans-Jürgen Vorsatz am liebsten selbst aufgenommene Kassetten bei der Arbeit – zum Beispiel Chopin. „Mein Großvater war Künstler, Musiker, Uhrmacher und so viel mehr. Ich habe das wohl ein bisschen von ihm, dieses Nicht-aufhören-Können“, schmunzelt er. „Ich bin Arbeiter.“




