Wie ein Duisburger vor 50 Jahren die Gitarrenlehre umkrempelte

Als Peter Bursch 1975 ein schmales Heftchen an seiner Schreibmaschine verfasste, Comics dazu malte und an seine Gitarrenschüler verteilte, ahnte er im Leben nicht, dass das der Startschuss zum bekanntesten Gitarrenlehrbuch Deutschlands sein würde.

Vom VHS-Heftchen zum Klassiker

Fünfzig Jahre später trägt der Duisburger mit Stolz den inoffiziellen Titel „Gitarrenlehrer der Nation“; „Peter Bursch’s Gitarrenbuch“ wurde millionenfach verkauft und ist generationsübergreifend im Einsatz – ein Phänomen, das selbst seinen Schöpfer noch immer staunen lässt: „Schon der Hammer, dass das Buch noch immer ein Bestseller ist. Das ist Wahnsinn.“

Bunt, ansprechend und ohne Noten! Burschs Werke gehören zu den Klassikern der Gitarrenlehre.

Begonnen hat alles pragmatisch. Für seine Kurse an der Volkshochschule Duisburg und der Universität kam Bursch dem Wunsch seiner Schülerinnen und Schüler nach, die seine Skizzen nicht immer von der Tafel abschreiben wollten. Er setzte sich an den heimischen Schreibtisch und haute statt in die Saiten in die Tastatur und entwarf ein Büchlein, das Einsteigern ohne Vorwissen den Zugang zur Musik eröffnet. Bursch formulierte Lernschritte so, wie es seinem, Ideal entsprach – unkompliziert, humorvoll, niederschwellig und frei von pädagogischer Strenge. Das Ergebnis: ein Heftchen mit gerade einmal einem Drittel des Umfangs des späteren Kultbuchs.

Peter Bursch traf damit offensichtlich ins Schwarze. „Jeder kopierte sich das, ich konnte gar nicht so viele drucken.“ Doch es war harte Arbeit, bis auch das Verlagswesen überzeugt werden konnte. Ein großer Verlag winkte ab – ein Gitarrenbuch ohne traditionelle Notation sei „unter unserem Anspruch“. Bursch aber blieb hartnäckig und fand im Bonner Voggenreiter-Verlag einen Partner, der bereit war, „ein kalkuliertes Risiko“ einzugehen. „Der Chef ließ sich überreden, 1000 Exemplare zu drucken.“ Der Rest ist Geschichte: Die rund 800 belieferten Musikgeschäfte orderten schnell reihenweise nach.

Peter Bursch wurde selbst zur Kultfigur - obwohl er die Fäden lieber selbst in der Hand hält.

Vorreiter mit Spaß und Innovation

Peter Bursch gelang mit seinem Erstlingswerk eine Zeitenwende in der Gitarrenlehre, ein Stück deutscher Popkultur. Denn in den 70er-Jahren war die Gitarrenwelt noch klassisch-konservativ geprägt. Ein Comic auf dem Cover und nicht bloß ein Instrument?! Gewagt! Aber Freigeist Bursch setzte sich auch mit dieser Idee durch. Er wollte eben ein Lernbuch, das schon auf dem Umschlag Spaß macht.

Inhaltlich war es ebenso innovativ: Bursch kombinierte eine Tabulatur, „die Zahlenschreibweise aus dem Mittelalter“, mit moderner Rhythmusnotation und machte damit ein System populär, für das jeder Notenverweigerer noch heute dankbar ist. „Das versteht halt jeder“, sagt Bursch. Inzwischen ergänzen QR-Codes die gedruckten Beispiele, um sie auf dem Handy abzuspielen: „Das ist wie privater Gitarrenunterricht.“

Auch mit 76 Jahren genießt Peter Bursch noch jede Unterrichtseinheit mit seinen Schülerinnen und Schülern.

Doch schon 1975 ging der Duisburger Kultmusiker technisch neue Wege: So regte er an, dem Buch Beispielsongs beizulegen. Damals waren Kassetten en vogue – als Zugabe zu sperrig. Auf einer USA-Tour mit den Krautrockern von „Bröselmaschine“ entdeckte der Gitarrist dann Folienplatten - und bestellte direkt mal tausend Stück. Bursch spielte die Hörbeispiele selbst ein und legte sie dem Buch bei – ein Novum.

Von den Scorpions bis Euro Rock

Auf dem Guitar Summit in Mannheim, dem größten Festival seiner Art Europas, begrüßten wildfremde Leute den langjährigen Gitarrenmeister aus Duisburg, wollten Selfies und Autogramme. „Das war fast wie im Paradies“, gesteht Peter Bursch sichtlich gerührt. Der Erfolg seines Gitarrenbuchs hat Bursch internationale Anerkennung eingebracht – Glückwünsche kamen etwa von prominenten Bursch-Schülern wie den Scorpions oder von Tommy Emmanuel aus Nashville.

Trotzdem blieb er geerdet und vor allem eines: Lehrer in seiner Heimat. In Duissern betreibt er weiterhin seine Gitarrenschule. In Zusammenarbeit mit den Kulturbetrieben der Stadt Duisburg organisiert er seit Jahren das beliebte „Euro Rock-"Festival und fördert damit internationale Nachwuchsbands.

Ob Jung, ob Alt - zu Peters Gitarrenstunden kommt (fast) jeder.

Der Lehrer, der alle mitnimmt

Bursch behauptet von sich, er könne „die Fragen der Schüler am Gesicht erkennen“. Virtuosität und „Wahnsinnstechniken“ seien für ihn im Unterricht zweitrangig – entscheidend sei, Menschen überhaupt zum Spielen zu bringen. Die Freude, wenn ein Anfänger mithilfe zweier Eric-Clapton-Akkorde plötzlich mitspielen kann, die Erfahrung, selbst von seinen Schülern neue pädagogische Ansätze zu lernen.

Einfache Akkorde, schnelle Erfolgserlebnisse, gemeinsames Musizieren: Das ist Burschs Credo. Musik ist sein Lebenselixier, seit er als 15-Jähriger durch Europa trampte: Viele Freundschaften von damals halten noch heute. Aber: Mit 76 merkt er, dass „man das nicht ewig machen kann, aber der Unterricht würde mir fehlen.“ Deshalb hat er auch ein ganz simples wie wahres Plädoyer für sein Instrument übrig, das er mit Enthusiasmus an die Jugend weitergibt: „Die Gitarre hilft dir einfach in allen Lebenslagen.“

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