Zeit.zeugt.Stadt: Ein Zeitzeug*innen-Projekt zur deutsch-türkischen Duisburg-Geschichte
Zeit.zeugt.Stadt ist ein künstlerisch-kulturelles Schulprojekt, das deutsch-türkische Stadtgeschichte für die Nachwelt dokumentieren möchte. Das Projekt fördert die Entwicklung gesellschaftlichen Verantwortungsbewusstseins und die Identitätsbildung junger Menschen durch die Beschäftigung mit Zuwanderungsgeschichte.
Hier geht es zum Trailer des Videos zum Projekt "Zeit.zeugt.Stadt"
Als Pilotschule startete die Herbert-Grillo-Gesamtschule in Marxloh. Initiiert wurde das Projekt durch die damalige Leiterin der SchulKulturKontaktStelle, Petra Müller, die mit großem Engagement Kooperationspartner*innen vernetzt und Inhalte gestaltet hat und sich auch weiterhin - inzwischen ehrenamtlich - für das Projekt einsetzt.
„Duisburg ist erst durch Migration zu der Stadt geworden, die sie heute ist“ stellt die Duisburger Interkulturbeauftragte der Stadt Duisburg, Leyla Özmal grundlegend fest und macht damit die Bedeutung der Arbeitsmigration für die Entwicklungen in der Arbeiterstadt Duisburg deutlich. Kooperationspartner*innen sind die SchulKulturKontaktStelle, die Stabsstelle Bildungsregion und das Zentrum für Erinnerungskultur.
Insbesondere zum 50. Jubiläum des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens „Regelung der Vermittlung türkischer Arbeitnehmer nach der Bundesrepublik Deutschland“ in 2011 gab es eine Vielzahl von Erinnerungs- und Sensibilisierungsprojekten und Veranstaltungen zur Thematik der sogenannten „Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen“ – gerade auch in Schulen. Sie wurden jedoch in den wenigsten Fällen für die Nachwelt dokumentiert und zentral für die Öffentlichkeit zugänglich archiviert. Dies ist bei Zeit.zeugt.Stadt anders. Bereits nach Abschluss des ersten Schulprojektes an der Herbert-Grillo-Gesamtschule entstanden Kurzfilme und Materialsammlungen, die dem Duisburger Stadtarchiv zur Verfügung gestellt werden.
Wissen über Zuwanderungsgeschichte als Baustein der Identitätsbildung
Bis heute hat die größte Gruppe der Duisburger*innen mit Migrationsgeschichte einen Türkeibezug und nicht wenige der jungen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund haben Probleme mit ihrem Türkisch- und/oder Deutschsein. Dass sich Migration und Heimatverlust auch auf die folgenden Generationen auswirkt, ist derweil bekannt. Die Erforschung und das Wissen um die eigene (Zuwanderungs-)Geschichte ist ein wichtiger Baustein bei der Identitätsbildung und gesellschaftlichen Selbstverortung. Der überzeugendste Weg, dieses Geschichtsinteresse gerade auch bei jungen Menschen zu wecken, ist die Aufarbeitung der Familiengeschichte – ganz nah am Selbst und nicht nüchtern unpersönlich.
Lebensgeschichten von Zeitzeug*innen für die Nachwelt sichern
Niemand kennt die Gründe für das Verlassen der Türkei, ihres Heimatlandes, besser als die Gastarbeiter*innen der ersten Generation, also die, die in den frühen 1960er Jahren nach Deutschland kamen, um zu arbeiten. Sie waren erwachsene Menschen, die eine einschneidende Entscheidung trafen. Sie können erzählen, wie sich die Lebens- und Arbeitssituation damals in der Türkei und dann in Deutschland darstellte. Sie können sagen, ob z.B. die hohe Arbeitslosigkeit, die schlechte wirtschaftliche Situation, die politische Lage in der Türkei oder einfach Abenteurerlust sie diesen oftmals schweren Weg einschlagen ließ. Die Zeitzeug*innen erlauben einen Blick zurück, lassen Zusammenhänge erkennen und gesellschaftliche Entwicklungen nachvollziehen.
Je früher Menschen mit ihrer Geschichte, mit gesellschaftlichen Entwicklungen und demokratischen Spielregeln vertraut gemacht werden, desto besser können sie ein verantwortungsbewusstes Selbst entwickeln und schließlich gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Zeit.zeugt.Stadt ist ein Erinnerungskultur-Projekt, das über gefürchtetes „langweiliges“ Faktensammeln hinausgeht. Mit Zeit.zeugt.Stadt wollen die Macher*innen zusammen mit interessierten Schulen ein lebens- und schüler*innennahes, mit künstlerisch-kulturellen Elementen angereichertes, motivierendes Stadtforscher-Projekt realisieren.
Inhalte und Aufbau des Projektes
Neben Lehrer*innen und Wissenschaftler*innen werden Künstler*innen in das Projekt eingebunden, um den Zugang und auch die späteren Dokumentationen motivierend und ästhetisch erlebbar zu gestalten. Eine Wissenschaftlerin und ein Künstler arbeiten mit Unterstützung der Lehrer*in mit den Schüler*innen.
Auftakt
Bei einer Auftaktveranstaltung mit Film- und Theaterelementen in der Schule wird den Schüler*innen die Geschichte der türkischen Arbeitszuwanderung nach Deutschland, Duisburg, Marxloh (ab 1961) nahegebracht. Lehrer*innen wie Schüler*innen erhalten als Handreichung eine Materialsammlung, die eine Vielzahl von Möglichkeiten bietet, sich dem Thema deutsch-türkische Duisburg-Geschichte seit 1961 auch im Unterricht zu nähern (Landkarten, Auszüge aus dem Anwerbeabkommen, Anwerbestopp 1973, Zeitstrahle, Einwohnerdaten, Fotos).
Lerninhalte
Im Laufe des Projektes lernen die Projektbeteiligten das Erstellen von Fragebögen zu soziodemografischen Merkmalen und individualisierten Interview-Leitfäden. Fragen, die die Schüler*innen speziell interessieren, finden selbstverständlich Berücksichtigung. Im Rollenspiel werden die Zeitzeug*innenbefragungen geübt, denn es bedarf der Einfühlung und Anregung zur freien Meinungsäußerung der betagten Zeitzeugen. Die Zeitzeug*innenbefragungen werden filmisch dokumentiert. Zu diesem Zweck werden die Schüler*innen videotechnisch geschult (Ton, Licht, Kameraeinstellung u.ä.). Zunächst werden die persönlich bekannten Zeitzeug*innen von den Schüler*innen befragt, um schließlich – nun bereits professionalisiert – die ausgesuchten Zeitzeug*innen zu interviewen.
Dokumentation
Neben den Videos können Erfahrungstexte der Schüler*innen entstehen oder Spielszenen entwickelt werden – der Kreativität, diese Geschichte zu dokumentieren, sollen keine Grenzen gesetzt sein. Den Schulen wird eine umfassende Material-Liste zur Verfügung gestellt mit Hinweisen zu Institutionen, Literatur, Filmen u.ä.
Die Zeitzeug*innenbefragungen werden mit Smartphones und Kameras aufgenommen. Werden die Befragungen in türkischer Sprache geführt, werden sie ins Deutsche übersetzt und untertitelt, gegebenenfalls wird der Text deutsch nachgesprochen. Die Projektarbeit mit den Schüler*innen wird ebenfalls mit einem kurzen Filmzusammenschnitt dokumentiert.
Das Pilotprojekt an der Herbert-Grillo-Gesamtschule: Zeit.zeugt.Stadt – Marxloh first
Für ein Schulhalbjahr arbeiteten 20 Schüler*innen einmal wöchentlich und wurden dabei von der Lehrerin Damla Binici, der Wissenschaftlerin, Zeitzeugin und erfahrenen Interviewerin Dr. Türkan Yilmaz und den Jugendprojekt-erfahrenen, engagierten Filmemachern Cem Arslan und Anna Irma Hilfrich begleitet.
Die Auftaktphase
Die Auftaktveranstaltung - angereichert mit szenischem Spiel von zwei Schauspieler*innen, mit Filmeinspielungen und Fotos – war ein Erfolg und schwor die Beteiligten auf Zeit.zeugt.Stadt ein. Petra Müller von der SchulKulturKontaktStelle erarbeitete eine Handreichung mit umfassenden Informationen, die die Pädagog*innen und Schüler*innen bei ihrer Projektarbeit intensiv nutzten. Wissenschaftlerin und Filmemacher nahmen ihre Arbeit auf und starteten mit einem erzählerischen Einstieg ins Thema „Die deutsch-duisburger Geschichte der Gastarbeiter*innen aus der Türkei nach 1961“.
lernten die Nutzung von Technik für die Zeitzeug*innenvideos und
erhielten eine Einführung in empathische Gesprächsführung.
Danach befragten und filmten die Schüler*innen vier von ihnen selbst ausgewählte Marxloher Zeitzeug*innen und drei von der Projektleitung angefragte Zeitzeug*innen.
Trotz erschwerter Bedingungen durch Corona lief das Schulprojekt gut an bis zum tragischen Tod von Cem Arslan. Erste Überlegungen, das Projekt zu beenden, wurden von den Schüler*innen zerstreut. Sie schlugen vor, Zeit.zeugt.Stadt - Marxloh first‘ fortzuführen und Cem Arslan zu widmen. Alle Beteiligten gehen davon aus, dass die Weiterführung des Projektes Cem Arslans Wille gewesen wäre. In Anna Irma Hilfrich fand Zeit.zeugt.Stadt eine kreative, ebenfalls Jugendprojekt-erfahrene Filmerin, die das begonnene Pilotprojekt zusammen mit Damla Binici und Türkan Yilmaz in der Schule aufnahm und zu einem erfolgreichen Ende brachte.
Interessierte Schulen und außerschulische Einrichtungen gesucht!
Alle Duisburger Schulen, die an der Deutsch-türkischen Duisburg-Geschichte interessiert sind, Zeitzeug*innen möglichst professionell befragen und die erlebte Geschichte und erlebten Geschichten dokumentieren und archiviert wissen möchten, können sich bei Leyla Özmal von der Stabsstelle Bildungsregion melden. Auch außerschulische Einrichtungen, die inspirierende Ideen zur Weiterentwicklung von Zeit.zeugt.Stadt haben, können gern beim Projekt mitmachen.
Frau Leyla ÖzmalWissenschaftliche Mitarbeiterin (Quartiersmanagerin / Interkulturbeauftragte)