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Wolfger Steinberg


Obstwiesen

Wer auf seinen Spaziergängen oder Radtouren die Außenbezirke unserer Stadt erlebt, kann heute noch einige alte Obstwiesen finden, die in früheren Zeiten Dörfer wie Friemersheim, Serm, Mündelheim oder Binsheim und freistehende Bauernhöfe in einem lockeren Ring umschlossen.

Hier ernteten die Bauern ihr Obst, das sie frisch verbrauchten, auf dem Markt der Stadt verkauften oder als Wintervorrat konservierten. Das Gras unter den Bäumen wurde von Rindern, Ziegen oder Schafen abgeweidet.

"Intensiv-Anbau" war unbekannt, niemand hielt den Baumbestand ständig in bestem Ertragsalter. Die Bäume konnten in Würde alt werden. Brach ein Ast ab, blieb die Stammwunde wie sie war. Insekten nisteten sich in das langsam verrottende Holz ein und wurden von Spechten herausgetrommelt. Sie hämmerten in die modernden Faulstellen vielfach auch gleich ihre Nisthöhlen.

So boten die Obstwiesen mit ihren krautreichen Wiesen, dem Baumbestand unterschiedlichen Alters und unterschiedlichen Erhaltungszustandes der Tierwelt einen vielschichtigen Lebensraum.

Das änderte sich mit der Einführung der modernen, von Technik und Chemie geprägten Produktionsverfahren in der Landwirtschaft. So wurden seit den 50er-Jahren Obstwiesen unter dem Kostendruck in- und ausländischer Obsterzeuger gerodet. Um diese Entwicklung zu beschleunigen, erhielten die Landwirte in den 60er- und 70er-Jahren sogar Rodungsprämien für jede abgeholzte Obstwiese.

Wie so oft wurden die Auswirkungen dieser Maßnahmen erst augenfällig, als sie schon in vollem Gange waren. Denn nun zeigte sich, wie groß der Einfluss der Obstwiesen z. B. auf das Landschaftsbild ist, dessen Erholungswirkung für den Menschen eine große Bedeutung hat.

Neben dem Erholungsaspekt haben Obstwiesen auch eine große Bedeutung für das jeweils örtliche Kleinklima. Wer an heißen Sommertagen vom offenen Feld in den Schatten der Bäume eintaucht, hat es bereits erlebt. Die Baumbestände wirken u. a. als Windbremse, ohne jedoch den notwendigen Luftaustausch zu behindern und können zudem, wie alle anderen Bäume auch, Luftverunreinigungen filtern. Die Summe dieser Eigenschaften macht auch kleine Obstwiesen zu klimatisch wirksamen Landschaftsteilen.

Die Tiere finden im Boden und im Unterwuchs, an den mit Flechten und Moosen überzogenen Stämmen, in den Kronen, im Totholz und in den Baumhöhlen ihre passende "ökologische Nische". Beispielhaft seien hier Schlupf- und Raubwespen genannt, die als Nahrungsgrundlage zum großen Teil die Insekten benötigen, die wir als "Schädlinge" bezeichnen.

Einige Arten sind auf die Lebensbedingungen der Obstwiesen spezialisiert und sind deshalb ausschließlich hier anzutreffen, wie

z. B. der Birnenknospenstecher, eine Käferart, oder die Schmetterlingsarten Pflaumenwickler und Apfelbaumglasflügler.

Doch nicht nur Insekten finden wir hier. So kommen auf extensiv genutzten Obstwiesen in Nordrhein-Westfalen mindestens 37 Vogelarten vor, darunter der nicht nur in Duisburg gefährdete Steinkauz, der Wendehals und der Gartenrotschwanz. In diesem Biotoptyp wurden u. a. 21 Säugetierarten nachgewiesen, wie Garten- und Siebenschläfer, Hasel- und Fledermaus. Sie sind in der Roten Liste, dem Verzeichnis gefährdeter Pflanzen und Tiere Nordrhein-Westfalens, erfasst.

Die Obstwiesen werden darüber hinaus heute weniger mit "Pflanzenschutzmitteln" belastet, im Gegensatz zu den intensiv landwirtschaftlich genutzten Flächen. Auch das macht sie für die Tierwelt zu einem bedeutenden Rückzugsraum.

Deshalb wird im Rahmen der Landschaftspflege in den kommenden Jahren das Augenmerk auf diese besonderen Landschaftselemente gerichtet. Die Obstwiesen sollen durch den amtlichen Naturschutz, wo es möglich ist, mit Nachpflanzung von Obstbäumen ergänzt werden. Mit dem ehrenamtlichen Naturschutz durch Vermittlung und Betreuung der Biologischen Station "Westliches Ruhrgebiet e. V." (BSWR) soll künftig stärker die Nutzung des Obstes betrieben werden. Neben der Nutzung als Tafelobst sollen die Erträge in Form von Obstsaft vermarktet werden. Seit 2004 existiert in Duisburg ein Projekt zur Nutzung der Äpfel zur Saftherstellung.

Viele Siedlungsbereiche der letzten Jahre wurden aus Platzgründen an den Rand gewachsener Ortsteile geplant und gebaut. Die alten Ortsrandstrukturen, die den Übergang von der Bebauung zur freien Landschaft durch Obstwiesen prägten, gingen dadurch verloren.

Warum nicht an der Grenze zur Feldflur einige hochstämmige, traditionelle und widerstandsfähige Obstsorten pflanzen? Warum nicht auf mehreren benachbarten Grundstücken nebeneinander, so dass sich eine ganze Reihe und damit ein neuer Obstbaumgürtel um die Bebauung ergibt?

Aufgabe der Bauherren könnte es sein, auf Grundstücken, die den "neuen" Ortsrand bilden, durch Pflanzung von Obstgehölzen, diesen wieder erlebbar zu gestalten.

Im übrigen kann jeder Grundstückseigentümer mit einer geeigneten Fläche den Erhalt oder die Neuanlage solcher Lebensräume (Biotope) fördern, zum Beispiel durch Anlage einer Obstwiese.

Es müssen nur genug werden, dann haben wir wieder neue "Obstwiesen in Duisburg"